Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz stellt die Menschheit vor große Chancen, aber auch vor tiefgreifende ethische Herausforderungen. Der Franziskanerpater Paolo Benanti, Professor für Technologie-Ethik an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, warnt davor, dass die Begeisterung für Technik in eine neue Form der Götzenanbetung umschlagen könnte. Im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ betont er: „KI kann ein tolles Werkzeug sein, aber leider kennt die menschliche Fantasie keine Grenzen, wenn es darum geht, mächtige Technologien in Waffen zu verwandeln.“
Benanti, der regelmäßig mit Papst Leo XIV. über das Thema KI diskutiert, sieht die Tech-Giganten im Silicon Valley in einer besonderen Verantwortung. Er beobachtet dort eine gefährliche Tendenz, bei der Entscheidungen nicht mehr im Interesse der Menschen getroffen werden, sondern nur noch auf Basis von Daten. Dies gefährde die Menschenwürde fundamental. Besonders scharf kritisiert er die Plattform Grok, auf der seiner Ansicht nach das Recht des Stärkeren herrsche: „Wie hier Freiheit und Menschenwürde missachtet werden, das erinnert mich an den Faschismus.“
„Ihr sollt euch nicht Götzen machen noch Bildnis noch Malstein“ – 3. Mose 26,1 (Luther 2017)
Der Franziskaner ruft die Glaubensgemeinschaften auf, klare Kante zu zeigen: „Die Glaubensgemeinschaften müssen sagen: Nicht in unserem Namen!“ Gleichzeitig sieht er im Silicon Valley eine große Sehnsucht nach spiritueller Orientierung. Es sei daher ein guter Ort zum Missionieren. „Es würde sich lohnen, dort ein Kloster zu eröffnen. Ich denke ernsthaft darüber nach“, erklärt Benanti.
Die biblische Warnung vor dem goldenen Kalb
Die Verehrung von Technologie als Ersatzgott ist für Benanti kein neues Phänomen. Er verweist auf die biblische Geschichte vom Goldenen Kalb: „Es ist nicht das erste Mal, dass Menschen einen Götzen verehren. Schon Moses hatte der Bibel zufolge dieses Problem: Während er auf dem Berg Sinai war, um mit Gott zu sprechen, erschufen die Israeliten ein goldenes Kalb, das sie anbeteten.“ Diese Warnung aus dem Alten Testament sei heute aktueller denn je. Die Menschen neigten dazu, ihre Hoffnungen und Ängste auf technische Errungenschaften zu projizieren und ihnen eine quasi-religiöse Bedeutung zu geben.
Ein Beispiel dafür ist der umstrittene Tech-Milliardär Peter Thiel. Benanti beobachtet bei ihm eine Vermischung biblischer Prophezeiungen mit apokalyptischen Fantasien: „Er vermischt die biblische Prophezeiung vom Ende der Welt mit seinen Fantasien vom Ende unserer Zeit. Er erhebt seine Ideen zu einer Religion.“ Dies sei eine gefährliche Entwicklung, die die Grenzen zwischen Glaube und Technologie verschwimmen lasse.
Die Mission der Kirche: Schwerter zu Pflugscharen umschmieden
Benanti erinnert an die biblische Verheißung aus dem Buch Jesaja, dass die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden werden. Diese Vision sei die Mission der Kirche auch im Umgang mit Künstlicher Intelligenz: eine Waffe in ein Werkzeug zu verwandeln. Die Kirche müsse dazu beitragen, dass KI nicht zur Unterdrückung, sondern zum Wohle der Menschen eingesetzt werde. Dazu gehöre auch, die Tech-Konzerne an ihre Verantwortung zu erinnern und die Stimme derer zu sein, die keine Lobby haben.
„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Spieße zu Winzermessern“ – Jesaja 2,4 (Luther 2017)
Der Professor betont, dass die Kirche nicht gegen Technologie sei, sondern für eine ethische Rahmung eintrete. KI könne ein Segen sein, wenn sie dem Menschen diene und seine Würde achte. Dazu brauche es aber klare Regeln und eine Besinnung auf christliche Werte wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Praktische Schritte für Christen im Umgang mit KI
Was können gläubige Menschen ganz praktisch tun, um dem Götzen der Technik nicht zu verfallen? Benanti gibt einige Anregungen: Erstens sollten Christen bewusst Medienzeiten einhalten und sich nicht von Algorithmen treiben lassen. Zweitens sei es wichtig, die eigenen Daten zu schützen und sich über die Geschäftsmodelle der Tech-Konzerne zu informieren. Drittens könne man sich in Gemeinden und Netzwerken engagieren, die sich für digitale Ethik einsetzen.
- Überlegen Sie: Welche Rolle spielt Technologie in Ihrem Leben? Gibt es Bereiche, in denen sie zur Götze geworden ist?
- Informieren Sie sich über die ethischen Richtlinien der von Ihnen genutzten Plattformen.
- Betrachten Sie KI als Werkzeug, nicht als Heilsbringer.
Abschließend fordert Benanti die Christen auf, mutig zu sein und die Botschaft des Evangeliums auch in die Zentren der Macht zu tragen. Das Silicon Valley sei kein gottloser Ort, sondern ein Missionsfeld. „Die Menschen dort suchen nach Sinn und Orientierung. Wir als Kirche können ihnen zeigen, dass wahre Erfüllung nicht in Technologie, sondern in Gott zu finden ist.“
Die Frage, die bleibt: Sind wir bereit, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die Technik in den Dienst des Menschen zu stellen, statt uns von ihr beherrschen zu lassen? Die Antwort liegt in einer Rückbesinnung auf das, was uns als Christen ausmacht: die Liebe zu Gott und zum Nächsten.
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