In den vergangenen Monaten haben Berichte über Übergriffe auf Christen im Heiligen Land zugenommen. Besonders besorgniserregend ist ein Vorfall in Jerusalem, bei dem eine französische Ordensfrau von einem jüdischen Mann attackiert wurde. Die Nonne wurde von hinten zu Boden gestoßen und getreten, als sie bereits am Boden lag. Sie erlitt Kopfverletzungen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die israelische Polizei nahm einen 36-jährigen Tatverdächtigen fest. Dieser Vorfall ist Teil einer besorgniserregenden Entwicklung, die viele Christen in Israel und Ostjerusalem verunsichert.
Stimme aus der Dormitio-Abtei
Abt Nikodemus Schnabel, Benediktiner und Vorsteher der Dormitio-Abtei in Jerusalem, hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk klare Worte gefunden. Er sieht die israelische Regierung mitverantwortlich für den eskalierenden Hass radikaler Juden gegen Christen. Insbesondere kritisiert er Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, den er als „abgrundtief das Christentum hassend“ beschreibt. Bereits 2015 habe Ben-Gvir jüdische Extremisten verteidigt, die einen Brandanschlag auf das Kloster Tabgha verübt hatten. „Dieser Mann, der sich bei dem Gericht als wirklich notorischer Christenhasser gebärdet hat, dieser Mann ist jetzt Minister für die nationale Sicherheit. Das heißt, ich muss ertragen als Christ, dass der Mann, der auch für meine Sicherheit zuständig ist, jemand ist, der abgrundtief das Christentum hasst“, so Abt Nikodemus.
Alltagserfahrungen der Christen
Der Abt schildert, wie sich der Alltag für Christen in Jerusalem verändert hat. „Wenn die uns sehen, spucken die vor uns aus, spucken hinter uns aus, sagen gerne ‚go home to Italy‘ oder ‚Shelanu, das ist unser Land‘ und zeigen auf den Boden oder rempeln einen an“, beschreibt er die Situation. Auch Hassgraffitis in der Kirche der Dormitio-Abtei seien wiederholt vorgekommen. Diese Vorfälle seien keine Einzelfälle, sondern Ausdruck einer neuen Dimension der Feindseligkeit.
Differenzierung von der jüdischen Zivilgesellschaft
Abt Nikodemus legt Wert darauf, seine Kritik nicht auf die gesamte jüdische Bevölkerung zu beziehen. „Ich spreche nicht für alle jüdischen Israelis“, stellt er klar. Er habe „sehr, sehr viele jüdische israelische Freunde“, die selbst „in großer Sorge“ um den Staat seien. Das Problem seien „Hooligans der Religion“, die „von ihrer eigenen Religion keine Ahnung haben“ und ihren Nationalismus religiös sakralisierten. Diese Differenzierung ist wichtig, um nicht in pauschale Verurteilungen zu verfallen.
Biblische Perspektive auf Feindesliebe und Gerechtigkeit
Die Bibel ruft Christen immer wieder zur Feindesliebe auf, aber auch zur Wahrheit und Gerechtigkeit. In der Bergpredigt heißt es: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ (Matthäus 5,44). Gleichzeitig mahnt die Schrift, Unrecht nicht einfach hinzunehmen. Der Prophet Amos ruft: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24). Christen sind aufgerufen, für Frieden zu beten und gleichzeitig für ihre Rechte einzutreten.
Rolle der Regierung und gesellschaftliche Verantwortung
Abt Nikodemus sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem Amtsantritt der Regierung Netanjahu und dem Anstieg der Gewalt. Vor 25 Jahren sei er als junger Mönch zwar gelegentlich nachts angepöbelt worden, „aber am hellichten Tag war ich sicher“. Heute sei das anders: „Diese Leute, die mich angespuckt haben, sind jetzt in der Regierung.“ Er beobachtet eine „komplette Enttabuisierung dieses Christen-Hasses“. Politiker der Knesset forderten offen, das Land „von allen Kreuzen, von allen quasi nicht-jüdischen Symbolen“ zu reinigen. Das in Jerusalem ansässige Rossing Center for Education and Dialogue dokumentierte für 2025 eine Zunahme von Angriffen auf christliche Einrichtungen und Personen.
Aufruf zur Besonnenheit und zum Gebet
Angesichts dieser Entwicklungen ist es wichtig, dass Christen weltweit für ihre Geschwister im Heiligen Land beten. Gleichzeitig sollten wir uns für den interreligiösen Dialog einsetzen und uns gegen jede Form von Hass und Gewalt stellen. Die Worte von Abt Nikodemus erinnern uns daran, dass wir als Christen berufen sind, Friedensstifter zu sein, aber auch nicht zu schweigen, wenn Unrecht geschieht.
Praktische Anwendung und Reflexion
Was können wir aus dieser Situation lernen? Zunächst einmal sollten wir uns bewusst machen, dass Christen in vielen Teilen der Welt unter Druck stehen. Wir können sie durch Gebet und gegebenenfalls durch Spenden an Hilfsorganisationen unterstützen. Darüber hinaus sollten wir in unseren eigenen Gemeinden ein Klima der Offenheit und des Respekts fördern. Fragen Sie sich: Wie kann ich in meinem Umfeld dazu beitragen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion friedlich zusammenleben? Welche Schritte kann ich unternehmen, um Vorurteile abzubauen? Die Bibel ermutigt uns: „Jage dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird“ (Hebräer 12,14).
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