Die Präsenz von Christinnen und Christen im Heiligen Land ist seit Jahrhunderten ein lebendiges Zeugnis des Glaubens. Doch diese Gemeinschaft schrumpft dramatisch. Der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem, Nikodemus Schnabel, hat in einem aktuellen Appell auf die prekäre Lage aufmerksam gemacht. Er warnt davor, dass das Heilige Land zu einer bloßen Touristenattraktion verkommen könnte, wenn die einheimischen Gläubigen weiter abwandern. „Es darf nicht sein, dass die heiligen Stätten nur noch von Pilgern besucht werden, während die christlichen Familien verschwinden“, so der Benediktiner.
Die Herausforderungen sind vielfältig: politische Instabilität, wirtschaftliche Not und soziale Spannungen setzen den christlichen Gemeinschaften zu. Dabei geht es nicht nur um den Erhalt von Kirchengebäuden, sondern um das Überleben einer lebendigen Glaubenskultur. Der Abt betont, dass die einheimischen Christen unverzichtbar für die Authentizität des christlichen Zeugnisses im Heiligen Land sind.
„Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz fade geworden ist, womit soll es wieder salzig gemacht werden?“ (Matthäus 5,13; Luther 2017)
Dieses Wort Jesu erinnert daran, dass die Gläubigen berufen sind, in der Welt präsent zu sein. Im Heiligen Land steht diese Präsenz auf dem Spiel.
Die drei Gruppen der katholischen Kirche im Heiligen Land
Um die Situation zu verdeutlichen, unterscheidet Abt Nikodemus drei Hauptgruppen innerhalb der lateinischen Kirche. Jede von ihnen steht vor spezifischen Herausforderungen.
Arabischsprachige palästinensische Katholiken
Diese Gruppe umfasst Christen mit israelischer Staatsbürgerschaft, Einwohner Jerusalems ohne politische Rechte, Gläubige im Westjordanland mit Bewegungsbeschränkungen und die Gemeinschaft im Gazastreifen. Besonders die Christen in Gaza leiden unter einer doppelten Belastung: dem Krieg und der Blockade einerseits und der Unterdrückung durch die Hamas andererseits. Viele von ihnen haben das Land bereits verlassen oder sind in großer Not.
Hebräischsprachige Katholiken
Diese kleine, aber wachsende Gemeinschaft besteht aus gemischten Familien und ist in die israelische Gesellschaft integriert. Abt Nikodemus bezeichnet dieses Phänomen als neu und wirft die Frage auf, was es bedeutet, zugleich Israeli und Katholik zu sein. Diese Gruppe könnte eine Brücke zwischen den Kulturen sein.
Migranten und Asylsuchende
Mit über 100.000 Menschen ist diese Gruppe die größte. Viele kommen von den Philippinen, aus Indien, Sri Lanka, Afrika, Osteuropa und Lateinamerika. Sie arbeiten in der Pflege, im Baugewerbe und in der Landwirtschaft. Ihre Situation beschreibt der Abt als „moderne Sklaverei“. Die Arbeitsbedingungen sind oft unmenschlich: Pässe werden eingezogen, ein Arbeitgeberwechsel ist kaum möglich, Familien werden getrennt, und Mütter, die sich gegen eine Abtreibung entscheiden, werden bestraft.
„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ (Markus 10,14; Luther 2017)
Dieses Evangelium steht im krassen Gegensatz zu den Erfahrungen vieler christlicher Arbeitsmigrantinnen, die für ihr Ja zum Leben bestraft werden.
Die Rolle der internationalen Gemeinschaft
Abt Nikodemus appelliert an die weltweite Kirche, die einheimischen Christen nicht zu vergessen. Es brauche konkrete Unterstützung, sowohl geistlich als auch materiell. „Kirche in Not“ und andere Hilfswerke leisten bereits wichtige Arbeit, doch der Druck bleibt hoch. Die Christen im Heiligen Land brauchen Solidarität, um ihren Glauben in dieser herausfordernden Umgebung leben zu können.
Praktische Schritte für Leserinnen und Leser
Was können wir tun? Beten Sie für die Christen im Heiligen Land. Informieren Sie sich über Hilfswerke, die vor Ort tätig sind. Und wenn Sie eine Pilgerreise planen, suchen Sie bewusst den Kontakt zu einheimischen Christen. Besuchen Sie ihre Gottesdienste, kaufen Sie ihre Produkte und hören Sie ihre Geschichten. So tragen Sie dazu bei, dass das Heilige Land nicht zu einem „christlichen Disneyland“ wird.
Abschließend eine Frage zur Reflexion: Wie können wir als weltweite Gemeinschaft dazu beitragen, dass die Christen im Heiligen Land eine lebendige Zukunft haben? Lassen Sie uns diese Frage im Gebet bewegen.
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