Am Freitag, dem 8. Mai 2025, war Bundeskanzler Friedrich Merz zu Gast auf dem Katholikentag in Würzburg. In einer Podiumsdiskussion mit dem Moderator Manuel Hartung sprach der Regierungschef offen über seinen christlichen Glauben und dessen Bedeutung für sein Leben und seine politische Arbeit. Die Zuhörer erlebten einen seltenen Moment der persönlichen Offenheit, der über das übliche politische Kalkül hinausging.
Auf die Frage, wie der Glaube ihn geprägt habe, antwortete Merz zunächst mit einem Hinweis auf die Soziale Marktwirtschaft und deren christliche Wurzeln. Er verwies auf den Ökonomen Wilhelm Röpke, der als einer der Väter dieser Wirtschaftsordnung gilt, und auf Oswald von Nell-Breuning, den „Nestor der christlichen Soziallehre“. Die Bücher Nell-Breunings, so Merz, stünden noch heute zerfleddert und mehrfach gelesen in seinem Regal. Doch dann, fast beiläufig, fiel der entscheidende Satz: „Ich fühle mich als Christ. Ich bin deswegen auch in eine christlich-demokratische Union eingetreten.“ Mit diesen Worten machte der Kanzler deutlich, dass sein Glaube nicht nur eine theoretische Überzeugung ist, sondern die Grundlage seines politischen Engagements.
Das Gebet im Kanzleramt
Als Hartung nachhakte, ob Merz bei schweren Entscheidungen bete, antwortete der Kanzler überraschend offen: „Ich gehe eigentlich jeden Abend mit diesem Gedanken schlafen und bitte um diesen Beistand. Das ist etwas, das mich beschäftigt.“ Er berichtete, dass im Berliner Regierungsviertel ein katholischer Gottesdienst angeboten werde, den er aber nur selten besuchen könne, da morgens bereits die ersten Besprechungen im Kanzleramt anstünden. Dennoch sei das Bewusstsein für die Gegenwart Gottes in seinem Alltag präsent.
„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7,7, Luther 2017)
Diese Bibelstelle scheint Merz‘ Haltung zu spiegeln: Er vertraut darauf, dass Gott ihn hört und ihm die nötige Weisheit schenkt. Der Kanzler zeigte sich demütig angesichts der großen Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet.
Vorletzte Antworten in einer ungewissen Zeit
Merz erinnerte an seine Rede vor zwei Jahren auf dem Katholikentag in Erfurt, in der er Hebräer 13,14 zitiert hatte: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Auf die Frage, warum er gerade diesen Vers gewählt habe, antwortete der Kanzler: „Ich habe mich damals von dem Gedanken leiten lassen, dass wir auf dieser Welt immer nur vorletzte Antworten geben.“ Diese Aussage ist bemerkenswert: Sie zeigt, dass Merz sich der Begrenztheit menschlicher Politik bewusst ist und die letztgültige Antwort allein bei Gott sieht.
In einer Zeit, die er selbst als „tiefe Zäsur“ bezeichnete, rief Merz zu Demut und Bescheidenheit auf. „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir Fehler machen, dass wir nicht hundertprozentig alles richtig machen können, und dass wir diese Welt nur geliehen bekommen haben“, so der Kanzler. Diese Haltung erinnert an das biblische Bild von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14-30): Wir sind Verwalter, nicht Eigentümer der Güter und Gaben, die uns anvertraut sind.
Die Verantwortung für die nächste Generation
Merz betonte, dass zur Verantwortung des Menschen gehöre, „diese Welt den Kindern und Enkelkindern in einem guten Zustand zu übergeben“. Dieses generationenübergreifende Denken hat eine tiefe christliche Wurzel: Der Mensch ist nicht allein für sich selbst verantwortlich, sondern für die Gemeinschaft und für die Zukunft. Der Kanzler zeigte sich überzeugt, dass wir möglicherweise erst in einigen Jahren verstehen werden, was in der Gegenwart geschieht – und dass uns der Glaube helfen kann, diese Ungewissheit auszuhalten.
Kommunikation als Schlüssel
In der Diskussion räumte Merz ein, dass er seine Kommunikation verbessern müsse. Dieses Eingeständnis ist selten bei Spitzenpolitikern und zeigt eine gewisse Selbstreflexion. Der Kanzler scheint zu erkennen, dass politische Führung nicht nur aus Entscheidungen besteht, sondern auch aus der Fähigkeit, diese Entscheidungen verständlich zu machen und die Menschen mitzunehmen. Auch hier kann der christliche Glaube Orientierung geben: Die Bibel betont immer wieder die Bedeutung der Wahrhaftigkeit und der klaren Rede (Epheser 4,25).
Ein Vorbild für Christen in der Politik?
Merz‘ Bekenntnis wirft die Frage auf, welche Rolle der Glaube in der Politik spielen darf und soll. Der Kanzler selbst sieht sich als Christ, der aus seiner Überzeugung heraus handelt, aber nicht missionarisch auftritt. Er betonte, dass die christliche Soziallehre eine wichtige Grundlage für seine politische Arbeit sei – insbesondere die Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität. Für viele Christen im Land kann dieses Bekenntnis ermutigend sein: Es zeigt, dass Glaube und politisches Amt sich nicht ausschließen, sondern dass der Glaube eine Quelle der Kraft und der Orientierung sein kann.
„Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!“ (1. Korinther 16,14, Luther 2017)
Diese Aufforderung des Apostels Paulus könnte auch für Merz‘ Amtsführung gelten: Nicht Machtstreben oder Eigennutz sollten im Vordergrund stehen, sondern die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Ob der Kanzler diesem Anspruch gerecht wird, muss die Zukunft zeigen – aber sein Bekenntnis ist ein erster, wichtiger Schritt.
Zum Nachdenken
Was bedeutet es für uns persönlich, Christ zu sein – nicht nur im Sonntagsgottesdienst, sondern im Alltag, am Arbeitsplatz, in der Familie? Merz‘ Beispiel erinnert uns daran, dass der Glaube kein privates Hobby ist, sondern eine Kraft, die unser ganzes Leben prägen kann. Vielleicht nehmen wir uns in der kommenden Woche bewusst Zeit, um über unsere eigene Berufung nachzudenken: Wie können wir die „Welt, die wir geliehen bekommen haben“, so gestalten, dass wir sie in gutem Zustand an die nächste Generation weitergeben können?
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