Die Vorstellung, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde besitzt, ist tief in der biblischen Tradition verwurzelt. Der Kirchenhistoriker Volker Leppin, der an der Yale University lehrt, betont in seinem neuen Buch „Gottesspuren“, dass diese Tradition die Grundlage für die Menschenrechtsdiskussionen des 18. Jahrhunderts und den modernen Rechtsstaat bildet. Ohne das Christentum, so Leppin, wäre das moderne Europa mit Aufklärung, Wissenschaft und Sozialstaat nicht entstanden. Diese These mag überraschen, denn oft wird die Aufklärung als Bruch mit der Religion verstanden. Doch Leppin zeigt auf, dass die biblische Botschaft von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1,27) ein entscheidender Impuls für die Entwicklung der Menschenwürde war.
Die Entzauberung der Welt und der Verlust des Göttlichen
Leppin beschreibt in seinem Werk eine „Entzauberung“ der Welt durch die Aufklärung. Das Bewusstsein, dass Gott überall sein und uns an jeder Ecke begegnen kann, sei verloren gegangen. Der „Zauber“ habe darin bestanden, dass diese Welt nicht nur aus Zahlen, Daten, Chemie oder Physik besteht, sondern dass sie Gott widerspiegelt. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sei Gott für die Menschen sehr präsent gewesen. Heute sei er in den westlichen Gesellschaften für viele nur noch „irgendwo ganz weit weg im Himmel“. Diese Entwicklung hat nach Leppin nicht nur spirituelle, sondern auch gesellschaftliche Folgen.
Die Rolle der Religion in einer säkularen Gesellschaft
Eine säkulare Gesellschaft müsse der Religion Raum geben, sich zu entfalten, fordert der evangelische Theologe. „Eine Gesellschaft, die über Grundlagen jenseits unserer einfachen weltlichen Existenz nicht mehr nachdenkt, verliert sich irgendwann selbst.“ Der Glaube daran, dass all das, was wir sehen, nicht das Letzte ist, und dass es dahinter oder darunter etwas Tragendes gibt, sei auch heute noch anschlussfähig. Dieses Bewusstsein könne helfen, mit Themen wie Umweltschutz oder Frieden behutsamer umzugehen. Leppin verweist auf die biblische Botschaft der Bewahrung der Schöpfung (1. Mose 2,15) und die Friedensvision der Propheten (Jesaja 2,4).
Die Gefahren des Säkularismus
Der heutige Säkularismus sei mit 250 Jahren eine relativ kurze Erscheinung in der Menschheitsgeschichte. Er laufe Gefahr, andere Kulturen und die eigene Vergangenheit zu verdrängen. Leppin warnt davor, die Errungenschaften der Aufklärung zu vergessen, die entscheidend dazu beigetragen habe, religiös begründete Gewalt einzudämmen. Dennoch sei es wichtig, die verdrängten Aspekte wieder in den Blick zu rücken. Sein Ziel sei es, die Dinge, die von der Aufklärung verdrängt wurden, wieder sichtbar zu machen, ohne hinter die Aufklärung zurückzufallen.
Anknüpfungspunkte für heute
Leppin sieht in der biblischen Tradition wichtige Anknüpfungspunkte für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. So könne die Rede von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (Psalm 8,5-7) eine Grundlage für den respektvollen Umgang mit allen Menschen bieten, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Status. Die biblische Ethik der Nächstenliebe (3. Mose 19,18; Matthäus 22,39) könne zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt und zu einem Engagement für Frieden und Gerechtigkeit motivieren. Auch die biblische Hoffnung auf eine neue Schöpfung (Offenbarung 21,1-5) könne angesichts von Krisen und Ängsten Trost und Orientierung geben.
Praktische Anwendung: Wie können wir die biblische Botschaft heute leben?
Die Gedanken von Volker Leppin laden uns ein, die biblische Tradition als Quelle der Inspiration für unser tägliches Leben zu entdecken. Wir können uns fragen: Inwiefern prägt die Überzeugung, dass jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt ist, unseren Umgang mit anderen? Wie können wir dazu beitragen, dass die Würde jedes Menschen in unserer Gesellschaft geachtet wird? Und wie können wir die biblische Vision von Frieden und Gerechtigkeit in unserem Umfeld konkret werden lassen? Die Antworten auf diese Fragen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Doch eines ist klar: Die biblische Botschaft hat auch heute nichts von ihrer Kraft verloren, Menschen zu bewegen und Gesellschaften zu prägen.
„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,27, Luther 2017)
Dieser Vers erinnert uns daran, dass die Würde des Menschen nicht von menschlichen Leistungen oder gesellschaftlichen Konventionen abhängt, sondern von der Zuwendung Gottes. Sie ist unverlierbar und unantastbar. In einer Zeit, in der Menschenwürde oft mit Füßen getreten wird, ist dies eine Botschaft, die nicht nur Trost, sondern auch Auftrag ist.
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