Im Jahr 1925 wagte der junge Verleger Lambert Schneider in Berlin ein außergewöhnliches Unterfangen: Er bat die jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig, die hebräische Bibel neu ins Deutsche zu übertragen. Was damals als wirtschaftliches Risiko galt, erwies sich als ein Jahrhundertprojekt, das bis heute Theologen und interessierte Laien gleichermaßen fasziniert. Die Übersetzung, die vor 100 Jahren erstmals für Aufsehen sorgte, ist weit mehr als eine sprachliche Leistung – sie ist ein Zeugnis der tiefen Verwurzelung des christlichen Glaubens im Alten Testament und ein Brückenschlag zwischen Judentum und Christentum.
Für uns als christliche Gemeinschaft ist diese Übersetzung eine wertvolle Erinnerung daran, dass die Heilige Schrift nicht nur unser eigenes Erbe ist. Die Bücher des Alten Testaments, die wir mit den jüdischen Geschwistern teilen, wurden durch Bubers und Rosenzweigs Arbeit in einer Weise neu zum Klingen gebracht, die den ursprünglichen hebräischen Klang und Rhythmus bewahrt. Ihre Übersetzung trägt den Titel „Die Schrift“ und ist bis heute eine Einladung, Gottes Wort neu zu hören – nicht nur als Text, sondern als lebendige Stimme.
Die Entstehungsgeschichte: Mut und Vision
Die Idee zu dieser Übersetzung entstand in einer Zeit großer geistiger und politischer Umbrüche. Nach dem Ersten Weltkrieg suchten viele Menschen nach neuen Orientierungspunkten. Martin Buber und Franz Rosenzweig, beide tief in der jüdischen Tradition verwurzelt, waren überzeugt, dass die deutsche Sprache den Reichtum der hebräischen Bibel in einer bisher unerreichten Tiefe abbilden könne. Sie begannen ihre Arbeit mit einer klaren Zielsetzung: Die Übersetzung sollte nicht nur den Sinn, sondern auch die Klangfarbe und die Sprachmelodie des Originals vermitteln.
Rosenzweig, der bereits schwer erkrankt war, arbeitete mit unermüdlichem Einsatz an dem Projekt. Nach seinem frühen Tod im Jahr 1929 führte Buber die Arbeit allein weiter und vollendete sie 1961. Die Übersetzung umfasst das gesamte Alte Testament und zeichnet sich durch eine eigenwillige, aber eindrucksvolle Sprache aus, die den Leser dazu einlädt, den Text langsam und bedächtig zu lesen.
Die Besonderheiten der Buber-Rosenzweig-Übersetzung
Was diese Übersetzung von anderen abhebt, ist ihr Bemühen, die hebräischen Wurzeln des Textes sichtbar zu machen. So wird etwa der Gottesname JHWH nicht mit „Herr“ wiedergegeben, sondern mit „ER“ oder „der Ewige“. Auch die Eigennamen werden oft in ihrer hebräischen Form belassen, um den Klang des Originals zu bewahren. Dies verleiht der Übersetzung eine besondere Dichte und fordert den Leser heraus, sich auf die fremde Klangwelt einzulassen.
Für christliche Leser bietet diese Übersetzung die Chance, die alttestamentlichen Texte mit neuen Augen zu sehen. Wenn wir etwa den Schöpfungsbericht in der Buber-Rosenzweig-Übersetzung lesen, spüren wir den Rhythmus der hebräischen Verse, der uns an die Poesie der Psalmen erinnert. Die Bibel wird so nicht nur zum Gegenstand des Studiums, sondern zu einem Hörerlebnis.
Die Bedeutung für das christlich-jüdische Gespräch
Die Übersetzung von Buber und Rosenzweig hat weit über die philologische Fachwelt hinaus gewirkt. Sie hat dazu beigetragen, das Verständnis zwischen Juden und Christen zu vertiefen. Indem sie die hebräische Bibel in ihrer Eigenständigkeit und Schönheit präsentierte, erinnerte sie die christlichen Kirchen daran, dass das Alte Testament nicht nur eine Vorstufe zum Neuen Testament ist, sondern einen eigenen, unverzichtbaren Wert besitzt.
In einer Zeit, in der der Antisemitismus erneut erstarkt, ist dieses Erbe aktueller denn je. Die Buber-Rosenzweig-Übersetzung lädt uns ein, die gemeinsamen Wurzeln unseres Glaubens zu entdecken und den Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern zu suchen. Sie erinnert uns daran, dass Gottes Wort nicht in einer einzigen Sprache oder Tradition aufgeht, sondern in vielen Stimmen zu uns spricht.
Praktische Anregungen für die Gemeinde
Warum nicht einmal in einem Bibelkreis oder einer Hausgruppe einen Abschnitt aus der Buber-Rosenzweig-Übersetzung lesen? Die ungewohnte Sprache kann zu neuen Einsichten führen und das Gespräch über die Texte beleben. Besonders geeignet sind die Psalmen oder die Prophetenbücher, deren poetische Kraft in dieser Übersetzung besonders zur Geltung kommt.
„Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 6,5, Luther 2017)
Dieses zentrale Gebot, das Jesus im Neuen Testament aufgreift, gewinnt in der Buber-Rosenzweig-Übersetzung eine neue Tiefe. Vielleicht entdecken Sie beim Lesen, wie die Worte des Alten Bundes im Licht des Neuen Bundes leuchten.
Fragen zur Reflexion
Was bedeutet es für Ihren Glauben, dass das Alte Testament die Grundlage des christlichen Glaubens bildet? Wie können wir in unseren Gemeinden die jüdischen Wurzeln des Christentums sichtbar machen und würdigen? Lassen Sie sich von der Übersetzung Bubers und Rosenzweigs anregen, die Bibel neu zu hören – als ein Wort, das nicht nur gelesen, sondern geatmet werden will.
Kommentare